Heiner and the Brassenheimer miller

Dieses Reiterbild is einen Darstellung einer Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel.

Eines Tages saß der Heiner ganz betrübt in einem Wirthshaus, und dachte daran, wie ihn zuerst der rothe Dieter und darnach sein eigener Bruder verlassen haben, und wie er jetzt allein ist. „Nein, dachte er, es ist bald keinem Menschen mehr zu trauen, und wenn man meint, es sey einer noch so ehrlich, so ist er ein Spitzbub.“ Unterdessen kommen mehrere Gäste in das Wirthshaus, und trinken Neuen, und wißt ihr auch, sagte einer, daß der Zundelheiner im Land ist, und wird morgen im ganzen Amt ein Treibjagen auf ihn angestellt, und der Amtmann und die Schreiber stehen auf dem Anstand? Als das der Heiner hörte, wurde es ihm grün und gelb vor den Augen, denn er dachte, es kenne ihn einer, und jetzt sey er verrathen. Ein anderer aber sagte: „Es ist wieder einmal ein blinder Lerm. Sitzt nicht der Heiner und sein Bruder zu Wollenstein im Zuchthaus?“ Drüber kommt auf einem wohlgenährten Schimmel der Brassenheimer Müller mit rothen Paus-Backen und kleinen freundlichen Augen daher geritten. Und als er in die Stube kam, und thut den Kameraden, die bei dem Neuen sitzen, Bescheid, und hört, daß sie von dem Zundel-Heiner sprechen, sagt er: ich hab schon so viel von dem Zundelheiner erzählen gehört. Ich möcht ihn doch auch einmal sehen. Da sagte ein anderer: „Nehmt euch in Acht, daß ihr ihn nicht zu früh zu sehen bekommt. Es geht die Rede, er sey wieder im Land.“ Aber der Müller mit seinen Pausbacken sagte: „Pah! ich komm noch bei guter Tagszeit durch den Fridstädter Wald, dann bin ich auf der Landstraße, und wenns fehlen will, geb ich dem Schimmel die Sporen.“ Als das der Heiner hörte, fragt er die Wirthin, was bin ich schuldig, und geht fort in den Fridstädter Wald. Unterwegs begegnet ihm auf der Bettelfuhr ein lahmer Mensch. Gebt mir für ein Cäsperlein eure Krücke, sagte er zu dem lahmen Soldaten. Ich habe das linke Bein übertreten, daß ich laut schreien möchte, wenn ich drauf treten muß. Im nächsten Dorf, wo ihr abgeladen werdet, macht euch der Wagner eine neue. Also gab ihm der Bettler die Krücke. Bald darauf gehen zwei betrunkene Soldaten an ihm vorbei und singen das Reuterlied. Wie er in den Fridstädter Wald kommt, hängt er die Krücke an einen hohen Ast, setzt sich ungefähr sechs Schritte davon weg an die Straße, und zieht das linke Bein zusammen, als wenn er lahm wäre. Drüber kommt auf stattlichem Schimmel der Müller daher trottirt, und macht ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: „Bin ich nicht der reiche Müller, und bin ich nicht der schöne Müller, und bin ich nicht der witzige Müller?“ Als aber der witzige Müller zu dem Heiner kam, sagt der Heiner mit kläglicher Stimme: „Wolltet ihr nicht ein Werk der Barmherzigkeit thun an einem armen lahmen Mann. Zwey betrunkene Soldaten, sie werden euch wohl begegnet seyn, haben mir all mein Allmosengeld abgenommen, und haben mir aus Bosheit, daß es so wenig war, die Krücke auf jenen Baum geschleudert, und ist an den Aesten hängen blieben, daß ich nun nimmer weiter kann. Wolltet ihr nicht so gut seyn, und sie mit eurer Peitsche herabzwicken?“ Der Müller sagte: „Ja sie sind mir begegnet an der Waldspitze. Sie haben gesungen: So herzig, wie mein Lisel, ist halt nichts auf der Welt.“ Weil aber der Müller auf einem schmalen Steg über einen Graben zu dem Baum mußte, so stieg er von dem Roß ab, um die Krücke herab zu zwicken. Als er aber an dem Baum war, und schaut hinauf, schwingt sich der Heiner schnell wie ein Adler auf den stattlichen Schimmel, gibt ihm mit dem Absatz die Sporen, und reitet davon. „Laßt euch das Gehen nicht verdrießen, rief er dem Müller zurück, und wenn ihr heim kommt, so richtet eurer Frau einen Gruß aus von dem Zundelheiner!“ Als er aber eine Viertelstunde nach Betzeit nach Brassenheim und an die Mühle kam, und alle Räder klapperten, daß ihn niemand hörte, stieg er vor der Mühle ab, band dem Müller den Schimmel wieder an der Hausthüre an, und setzte seinen Weg zu Fuß fort.

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